Profiteure der Freiheit

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12.04.10

Profiteure der Freiheit

Die islamische Kleiderordnung und ihre unheimlichen Verteidiger

von Adorján F. Kovács

(MEDRUM) Die  - spätestens seit die 68er Generation in die Redaktionen eingezogen ist - überwiegend religionskritisch eingestellten deutschen Medien überziehen reflexartig eine konfessionell weitgehend indifferent gewordene Öffentlichkeit so gut wie ununterbrochen mit Kritik am Christentum, an den Kirchen, den Dogmen, Orden und Ornaten, was auch immer. Dabei fällt auf, dass Religionskritik medial tatsächlich praktisch immer Kritik am Christentum bedeutet, jedenfalls anstandslos von links und rechts akzeptiert wird, während Kritik am Islam (so in letzter Zeit wieder) unverständlicherweise in ihrer Berechtigung vehement hinterfragt wird.

Der Soziologe Ulfig hat im „Freitag“ vom 22.01.2010 zu Recht die Frage gestellt: „Wie atheistisch ist die Linke noch?“ Es muss tatsächlich konstatiert werden, dass gerade die linke Religionskritik lahmt – aber nur gegenüber dem Islam. Ulfig: „Die Linken zeigen Verständnis für den Islam, also für eine Religion, die wesentlich mehr als das (heutige) Christentum deren Welt- und Lebensauffassungen widerspricht. Es handelt sich hierbei nicht so sehr um das monotheistische Weltbild, das beiden Religionen gemeinsam ist, als vielmehr um die Bereitschaft, religiöse Überzeugungen kritisch zu hinterfragen, aber auch um das Verhältnis zur Sexualität und zur Pluralität von Lebensgemeinschaften.“  Es finden sich sogar mehr und mehr Linke, die ernsthaft für Bekleidungsvorschriften des Islam Verständnis zeigen (so seit Monaten Rudolf Balmer in der TAZ im Zusammenhang der Diskussion um das Burka-Verbot in Frankreich). Es wird gewitzelt: Wer die Burka verbietet, darf auch Hawaiihemden nicht dulden. Die aktuelle Diskussion in Frankreich scheint den Witzbolden recht zu geben.

Aber auch den Konservativen ist schon der Sturm im Wasserglas zuviel, der kürzlich aufkam. Bei Blättern wie der SZ oder der WELT, in der beispielsweise Till-R. Stoldt unter der Überschrift „Islamkritik als Schlachtgesang der Gehässigen“ am 19.01.2010 seine Verteidigung des Kopftuchs in Verbindung mit einer Pauschalkritik der Islamkritiker vorbringt, kann man eine überraschende Einfühlung in islamische Besonderheiten finden.

Es gibt zwei Taktiken, Islamkritiker zum Schweigen zu bringen. Hamed Abdel-Samad nennt in Welt online (29.01.2010) die erste: „Wenn der Kritiker ein Nichtmuslim ist, haben Sie ein leichtes Spiel. Zermürbungstaktik ist angesagt: Sie werfen ihm Mangel an Kenntnis des Islam vor, reden über die Heterogenität und Vielschichtigkeit der jüngsten abrahamitischen Religion und fragen ihn, von welchem Islam er denn nun rede. Bald verliert er die Übersicht im Labyrinth der islamischen Rechtsschulen und Strömungen, und die Debatte verläuft im Sande.“ Der genannte Herr Stoldt wiederum fordert, jeder nicht-muslimische Islamkritiker solle Theologe oder Islamwissenschaftler sein – eine andere Form des Maulkorbs, die den denkenden Bürger entmündigt. Bleiben wir also bei einem so überschaubaren Problem wie der Bekleidung. Andere Länder in Europa haben die Burka; Deutschland hat seinen vorwiegend türkischstämmigen Menschen mit Migrationshintergrund reizvollere Varianten islamischer Kleiderordnung zu verdanken. Die Rede ist von den Neo-Musliminnen, also den Mädchen und Frauen in Deutschland, die Kopftuch und andere vorschriftsmäßige Kleidung tragen, weil sie es so wollen. Nicht nur seit Feridun Zaimoglu in seinem Artikel „Neo-Musliminnen in Ausgehuniform" (F.A.Z. vom 17.10.2003) diesen Typus vorgestellt hat, geistert die Behauptung durch das Land, es handele sich bei diesen Neo-Musliminnen um erste Proto-Typen eines deutschen Islams.

"Sie [die Neo-Muslimin] hat sich das Haar zum Dutt hochgesteckt und ein perlmuttbesetztes Tuch über das verlängerte Hinterhaupt gezogen. Der Blazermantel, bis zur Taille eng am Körper geschnitten, läuft in einer Trompetensilhouette aus. Unter der knöchellangen Keuschheitsrobe lugen die Spitzen der Overknee-Stiefel mit Stilettabsätzen hervor. Ihre mit Glitzerlack modellierten Fingernägel, der rote Lippenstift und die Strassohrclips zeugen nicht unbedingt von Weltentsagung, wie man sie den eisernen Jungfern im Dienste Gottes nachsagt."

Weltentsagung ist das Letzte, was man diesen Mädchen und Frauen nachsagen könnte. Doppelte Moral schon eher. Sollten sie einen nicht-muslimischen Mann heiraten wollen, träumen diese selbstbestimmten Mädchen und Frauen, wie Zaimoglu schreibt, davon, ihn zum Islam zu bekehren – was, wohlverstanden, völlig im Einklang mit fundamentalistischen Bestimmungen des Islam ist, der eine Heirat von Musliminnen mit Nicht-Muslimen verbietet. Die Kinder könnten dann – oh Gott! – vielleicht einer anderen, noch schlimmer, keiner Religion angehören.

Die Keuschheitsrobe dürfte im liberalen Westen ebenfalls reine Verkleidung sein, was von einer seltsamen Allianz aus Feministinnen und Islam-Apologeten als besondere Freiheitlichkeit gepriesen wird. Die vor der Heirat geforderte Jungfräulichkeit kann dabei rein anatomisch gewahrt werden. Was bei einer christlichen Nonne, die ihr Habit trägt, als Schwäche verhöhnt würde, wird bei der Neo-Muslimin, die ihre Ausgehuniform ja ebenfalls als Zeichen trägt, in ziemlich billiger Weise als produktiver Widerspruch akzeptiert.

Der versteckte Totalitarismus des Islam zeigt sich hierbei besonders gut, wird aber von den Apologeten geflissentlich übersehen. Die Tracht eines geistlichen Ordens mit dem Kopftuch der Neo-Musliminnen zu vergleichen, wie es u. a. die ZEIT in einem Titelbild gemacht hat, zeugt von kompletter Ahnungslosigkeit oder jener gedankenlosen Einseitigkeit, die durch die völlige Risikolosigkeit der Kritik am Christentum bedingt ist und sie so wohlfeil macht. Mögen beide Entscheidungen frei getroffen worden sein, so besteht doch ein fundamentaler Unterschied. Der Eintritt in den Orden bedeutet einen Schritt aus der Alltagsgesellschaft hinaus in eine geistliche Welt; das Tragen der Ausgehuniform der Neo-Musliminnen bedeutet das Eindringen einer Ideologie in die Mitte der Alltagsgesellschaft. Während niemals von der christlichen Gesellschaft verlangt würde, kollektiv ein Ordensleben zu führen, ist ebendies die Botschaft der neo-muslimischen Ausgehuniform, nur auf den Islam gemünzt: potentielle Gleichschaltung der gesamten weiblichen Hälfte der Gesellschaft.

Dass dies nicht geschieht, sondern diese Mädchen und Frauen häufig tatsächlich selbstbestimmt sind, ist der Freiheit im Westen zu verdanken, die allerdings von Anderen für Andere erstritten worden ist. Die Neo-Musliminnen sind lediglich Profiteure dieser Freiheit. Während die Keuschheitsroben verschiedener Ausprägung in den Herkunftsländern dieser Menschen tatsächliche Unterdrückung bedeuten, wogegen die deutschen Neo-Musliminnen, die in aller Regel gute Beziehungen zu diesen Ländern hegen, keinen Finger rühren, kokettieren ebendiese Neo-Musliminnen mit einer dubiosen Tradition, die in Deutschland für sie nicht das geringste Risiko, nicht die geringste Einschränkung bedeutet.

Wie die Salon-Kommunisten der 1970er Jahre im freien Westen den real existierenden Sozialismus priesen, ohne auf ihre Krankenversicherung und ihre Rentenansprüche verzichten zu wollen, so missbrauchen jetzt die Salon-Musliminnen mit ihrer Einstellung die Freiheit, die viele Frauen – und Männer – unter großen Opfern im Westen erkämpft haben. Sie treten diese Opfer im Grunde mit Füßen. Das ist unerträglich.

Was sagt uns das über die Linken, die soviel Verständnis haben? Und über die Konservativen, die um des lieben Friedens willen die Islamkritik am liebsten verbieten würden? Ihre Anbiederung an eine Wählergruppe, ihr Buhlen um Wählerstimmen führt – wenigstens gedanklich und verbal – schon zur Aufgabe von Freiheiten. Beiden Lagern ist es offenbar egal, wer sie wählt – es geht nur um Stimmen, nicht um Inhalte. Oder haben sich die Inhalte schon geändert? Wie sagte doch der ehemalige holländische Justizminister Piet Hein Donner? Er würde sich nicht wehren, wenn in Holland eine  Mehrheit die Scharia einführen wolle. Soweit ist es natürlich nicht. Aber dieselbe geistige Einstellung wie bei Herrn Donner findet sich schon bei den deutschen Kritikern der Islamkritik.

© Adorján F. Kovács

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ImageProf. Dr. Dr. Dr. Adorján F. Kovács (Nauheim bei Rüsselsheim) ist Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Er hat u.a. grundlagenwissenschaftliche und klinische Arbeiten zur Krebsdiagnostik und -behandlung im Kopf-Halsbereich durchgeführt (Forschungs- und Lehrtätigkeit am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main), die in zahlreichen wissenschaftlichen nationalen und besonders internationalen Veröffentlichungen dokumentiert sind und zur Habilitation und Professur geführt haben.  Er arbeitet daneben ebenso publizistisch und veröffentlichte u. a. im "ef-Magazin" (Eigentümlich frei).