Thomas Schirrmacher - Das liebe ich an Jesus.

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Das liebe ich an Jesus

Von Thomas Schirrmacher

... dass ich zu meinen Fehlern stehen kann.


Wenn ich gefragt werde, warum ich Jesus liebe, dann ist die biblisch korrekte Antwort na­türlich, dass ich ihn liebe, weil er mich zuerst geliebt hat und weil er bereit war, alles für mich zu geben. Ich liebe Jesus deswegen als ganze Person, nicht nur Teile oder Aspekte von ihm, so wie ich ja auch nicht bloß mit einem besonders anzie­henden Aspekt meiner Frau verheira­tet bin oder nur ihre Nase liebe, ihr Lächeln oder ihre Geduld, sondern sie als ganze Person.

Wenn man eine Person liebt, hat man auch schnell eine lange Liste an der Hand, was sie ganz speziell anzie­hend macht. Ich liebe Jesus, weil ich ohne ihn gar nicht da wäre. Ich liebe Jesus, weil er mich nie im Stich lässt. Ich liebe Jesus. weil, weil, weil ... Aber die Frage ist ja wohl, ob es nicht eine ganz spezielle Sache an Jesus gibt. die mir sofort vor Augen steht, wenn ich an ihn denke. Und tatsäch­lich - es gibt sie: Ich liebe Jesus über alles, weil seine Vergebung bewirkt, dass ich anderen nicht mehr ein ge­schöntes Bild von mir vermitteln muss, sondern offen zu meinen Schwächen und Fehlern, ja, Sünden stehen kann.

Jesus nachzufolgen ist für mich vor allen Dingen eine praktische Ange­legenheit. Wenn es sich nicht in meinem Alltag in Wissenschaft und Geschäftswelt bewährt hätte, hätte ich längst die Religion gewechselt. Denn zur Betäubung und Ablenkung von der Wirklichkeit gibt es nun tatsäch­lich bessere Mittel.

Und gerade da kommt die Ver­gebung der Sünden, die Jesus bewirkt hat, ins Spiel. Ich finde es großartig, nicht ständig allen beweisen zu müs­sen, dass ich fehlerlos bin. Denn solch ein vorgetäuschtes Leben macht uns seelisch kaputt. Das ewige Basteln an den Masken und die ständigen Ver­tuschungs­manöver kosten Zeit und Nerven und funktionieren am Ende meist doch nicht.

Jesus ist am Kreuz stellvertre­tend für meine Sünden und Fehler gestorben und deswegen kann ich sie ihm gegenüber ebenso eingestehen wie meiner Umwelt gegenüber. Wenn meine Fehler sowieso schon eingestanden sind, muss

es mir doch viel leichter fallen zuzugeben, wer ich wirklich bin, als Menschen, die ohne Jesus leben.

Das alles verstehe ich dennoch nicht Freibrief von Jesus, extra viele Fehler zu machen oder kräftig in puncto Sünde aufs Gas zu treten. Vergebung räumt nämlich nicht nur mit der Vergangenheit auf. Sie gibt auch die Kraft, tatsächlich etwas zu ändern. Diese Kraft wird nicht nur in der Bibel als Folge der Vergebung beschrieben, sondern krempelt mich auch tatsächlich um. Bei mir gibt es jedenfalls genug zu ändern.

Aber entscheidend ist für meine Beziehung zu Jesus, dass mein Glaube mit meiner Selbstkritik beginnt. Darin unter­scheidet er sich etwa funda­mental vom Islam, der keine echte Selbstkritik kennt, ja Selbst­kritik als Eingeständnis der Niederlage versteht. In der Bibel dagegen beginnt Glaube mit der Erkenntnis der eigenen Unzu­läng­lichkeit. Und nicht zufällig kritisiert die Bibel nicht vor allem die Ungläubigen und die böse Welt, sondern die Gläubigen. Ganze Bücher des Alten Testamentes widmen sich dem schonungslosen Offenlegen der Zustände unter den Juden, ganze Bücher des Neuen Testamentes - legen die schlimme Situation in christlichen Gemeinden bloß. Jesus macht mich frei zur Selbstkritik. Welch eine Erleichterung!

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"Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher (geb. 1960) ist Rektor des Martin Bucer Seminars (Bonn, Zürich, Innsbruck, Prag, Ankara), wo er auch Ethik lehrt, Professor für Religions­sozio­logie an der Staatlichen Universität Oradea, Rumä­nien, Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evange­lischen Allianz und Sprecher für Menschenrechte dieses weltweiten Zusammenschlusses. Er promovierte 1985 in Ökumenischer Theologie in Kampen (Niederlande), 1989 in Kultur­anthropologie in Los Angeles, und 2007 in Vergleichender Religionswissenschaft an der Universität Bonn."

http://www.schirrmacher.info/