Hamburger Volksentscheid ein „Signal“ gegen bildungsfeindliche Schul-Experimente

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30.07.10

Hamburger Volksentscheid ein „Signal“ gegen bildungsfeindliche Schul-Experimente

NRW: Eltern- und Lehrerverbände lehnen Einheitsschule ab und plädieren für den Erhalt eines bewährten Schulsystems

von Felizitas Küble

(MEDRUM) Eltern- und Lehrerverbände in NRW begrüßen den Hamburger Volksentscheid gegen eine verlängerte Grundschulzeit und sehen darin ein wichtiges Signal für die Entwicklung der Schul- und Bildungspolitik in NRW. Der Volksentscheid habe Bildungslinke schockiert, sei aber ein Geschenk und wichtiges Signal für NRW, so der Vorsitzende des Philologenverbandes in NRW, Peter Silbernagel.

Am 18. Juli 2010 entschieden sich die Hamburger mit einer satten Mehrheit gegen eine „Schulreform“, die sich die regierende CDU von ihrem grünen Koalitionspartner aufdrängen ließ: Das Gesetz sah vor, daß die Grundschule von bislang 4 Jahren auf 6 Jahre zu Lasten der Bildung in weiterführenden Schulen verlängert wird.  Elternverbände erkannten die Auswirkungen dieser „Schulreform“, die vor allem eine Vernachlässigung der lernfreudigen und leistungsfähigen Kinder mit sich bringen würde.

Deshalb verlangte die Initiative “Wir wollen lernen“ einen Volksentscheid und setzte ihn durch: Hamburgs Bürgerschaft  verpaßte der “Reform” einen dicken Strich durch die Rechnung. Die Verärgerung im rot-grünen Lager war deutschlandweit groß und die Verbitterung unübersehbar.   -  Auch das Politmagazin „Panorama“ (ARD) vom 22. Juli 2010 "beschwerte" sich über den Hamburger Volksentscheid. Bereits der Titel der Sendung war bezeichnend: „Egoismus macht Schule.“

Am Dienstag, den 20. Juli 2010, zwei Tage nach dem Hamburger Volksentscheid, veranstaltete das „Kuratorium Deutscher Schulbuchpreis“ eine Fachtagung in Bielefeld. Dabei diskutierten Politiker, Wissenschaftler und Vertreter von Eltern- und Lehrerverbänden über das Für und Wider der Einheitsschule, wie sie die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen einführen will. Sowohl das „Westfalenblatt“ wie die „Neue Westfälische“ berichteten ausführlich über das hochrangig besetzte Symposium, das im Bielefelder Mariengymnasium stattfand.

 

Die Kritiker der Gesamtschule begrüßten die Hamburger Entscheidung als ermutigendes Signal für den Erhalt des bewährten dreigliedrigen Schulwesens: Hauptschule  –  Realschule  –  Gymnasium.

Anders Josefine Paul, die stellv. Fraktionsvorsitzende der Grünen in NRW. Die Politikerin aus Münster verteidigte das Vorhaben der Landesregierung, wonach in den nächsten fünf Jahren 30% der allgemeinbildenden Schulen zu Einheitsschulen umgewandelt werden sollen. Zudem solle der bisherige „Frontal-Unterricht“ durch „mehr Teamarbeit“ verdrängt werden. Diese Strukturveränderungen könnten mehr Schüler zu einem besseren Abschluß führen, erklärte Josefine Paul.

 

Diese Thesen stießen auf massiven Widerspruch von Professor Dr. Rainer Dollase, der Pauls Thesen einzeln auseinanderpflückte; seine  Ausführungen wurden vom Publikum mit großem Beifall aufgenommen:

Zunächst stellte er fest, daß das rotgrüne Schulvorhaben „ein Fehler an sich“ sei, das sich „in keiner Weise wissenschaftlich rechtfertigen läßt“.  Danach befaßte er sich mit den Details: so sei es keineswegs erwiesen, daß „längeres gemeinsames Lernen“ den Schulerfolg verbessere.  Die von Rotgrün angestrebte Reform gehe an der schulischen Wirklichkeit vorbei.

Prof. Dollase betonte, daß er soeben 35 Hospitationen vor allem an schwierigen Schulen hinter sich habe, darunter Berlin, Hamburg und Ruhrgebiet. Dies habe ihn darin bestärkt, daß das Projekt Einheitsschule der falsche Weg sei. Dasselbe gelte für das Verlängern der Grundschulzeit von 4 auf 6 Jahre, das in Hamburg von der Bürgerschaft abgestraft wurde. Dies Experiment sei in Berlin schon lange eingeführt und habe keinerlei positives Ergebnis gebracht, erläuterte Dollase den Zuhörern.

Der Wissenschaftler räumte ein, daß er früher selbst Anhänger der Gesamtschule gewesen sei. Doch die schulischen Realitäten und vergleichende Studien der Lernergebnisse hätten ihn eines Besseren belehrt. Das dreigliedrige Schulsystem habe sich dauerhaft bewährt.

Prof. Dollase wandte sich zugleich gegen das „Schlechtreden“ der Hauptschulen und  setzte sich entschieden für den Erhalt der eigenständigen Hauptschulen ein. Zudem sollten Hauptschul-Absolventen mehr Chancen auf dem Arbeitsplatz erhalten: „Wir brauchen wieder mehr Menschen, die gerne einfachen Arbeit machen“, erklärte er und fügte hinzu: „Die Diskriminierung wegen eines Schulabschlusses ist nicht im Antidiskriminierungsgesetz verankert. Aber dort gehört sie rein.“

Regine Schwarzhoff,  Vorsitzende des Elternvereins NRW, pflichtete den Ausführungen von Prof. Dollase bei. Es sei ihr „ein Stein vom Herzen gefallen“, erklärte die Mutter dreier Kinder, als sie am Sonntag das Ergebnis des Hamburger Volksentscheides erfahren habe:  „Die Differenzierung nach vier Jahren ist für viele Kinder eine Rettung.“  -   Entweder, weil sie sich vorher in der Grundschule gelangweilt hätten oder weil sie an einer weiterführenden Schule das Gefühl hätten, unter ihresgleichen zu sein.
Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes in NRW, begrüßte den jüngsten Volksentscheid für das bisherige Schulsystem ebenfalls: „Hamburg hat viele Bildungslinke schockiert“, stellte er fest. Er selbst habe nicht mit diesem Ergebnis gerechnet: „Aber die Entscheidung ist ein Geschenk für uns und wichtig für die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen.“

Felizitas Küble ist Vorsitzende des Christoferuswerks in Münster und Leiterin des KOMM-MIT-Jugend-Verlags.

 

Leserbriefe

Erfahrungswerte

Als Lehrerin an einer ländlichen Grund-und Hauptschule in Baden-Württemberg blicke ich auf 30 Dienstjahre zurück. Die immer gleichbleibende Erfahrung war, dass die Hauptschüler der 5. Klasse zunächst einmal frustriert waren, da sie den Übergang auf eine „höhere“ Schule nicht geschafft hatten. Unter Eltern und Schülern galten / gelten jene Kinder, die es „nur“ auf die Hauptschule schafften, als die Verlierer. Wir Hauptschullehrer ( - ich spreche nun für mich und mein Kollegium) waren immer bemüht, das Selbstvertrauen der Kinder wieder aufzubauen, die Lernfreude in ihnen wieder zu wecken, ihnen zu Erfolgserlebnissen zu verhelfen. Das gelang auch immer recht schnell, da wir das Lerntempo den Fähigkeiten der Schüler anpassen konnten.

Mein Ziel war es immer, die neu übernommenen Fünftklässler zu einem erfolgreichen Hauptschulabschluss am Ende der 9. Klasse hinzuführen – ein langfristig gesetztes Ziel, das man in Ruhe angehen konnte. Es war immer wieder erfreulich und berührend zu sehen, wie sich die Kinder freuten, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Schüllerleben die Note 2 oder sogar 1 unter einer Arbeit vorfanden ! Uns Lehrern war natürlich immer bewusst, dass die Schüler nun nicht über Nacht ihr Leistungsniveau gesteigert hatten, sondern dass wir das Anforderungsniveau auf die Leistungsfähigkeit der Schüler herabgesetzt hatten. Mit Staunen und Freude konnte ich auch immer wieder beobachten, wie die Kinder sich in unserem „Schutzraum“ neu entfalten konnten, wie sie geradezu wieder aufblühten und mit Freude zur Schule gingen.

Und dennoch, obwohl das Lernen an unserer Hauptschule so ideal ist für unsere Schüler - was war / ist die Reaktion von Schülern und Eltern ? Kann ich/ er/ sie jetzt auf die Realschule gehen? Die „Diskriminierung“ vollzogen und vollziehen bis heute die Hauptschulkinder und -eltern selbst ! Da Schüler und Eltern vor der Institution mit dem Namen “Hauptschule“ fliehen, wird ab kommendem Schuljahr die Hauptschule in Baden-Württemberg „umgetauft“ in „Werkrealschule“. Einige Lerninhalte werden „ergänzt“ - wir „alten“ Lehrer erkennen darin die „alten“ Inhalte, die wir schon vor 20 Jahren unterrichtet haben und die nun wieder „ganz neu und aktuell“ sind, aber inzwischen im Rahmen mehrerer „Reformen“ gestrichen wurden !

Nun bleibt abzuwarten, inwiefern sich Schüler und Eltern von dem neuen „Namen“ blenden lassen und die „Werkrealschule“ eher akzeptieren als die bisherige „Hauptschule“ - die Bezeichnung "Werkrealschule" soll natürlich Assoziationen zur "Realschule" wecken. Was keiner sehen will, ist die Tatsache, dass alle Menschen zwar in ihrer Würde, vor Gott und dem Gesetz „gleich“ sind, nicht aber in ihrer Leistungsfähigkeit ! Es können eben nicht alle gleich gut lesen, rechnen, formulieren, Sprachen lernen, zeichnen, rennen , schwimmen! Was jeder Sportverein weiß, wo auch die Leistungsstärkeren eine Sonderförderung erfahren, muss im schulischen Bereich – je nach politischer Ausrichtung - wohl erst noch „entdeckt“ werden !

Leserbrief der erfahrenen Lehrerin

Was Sie schreiben, ist sehr anschaulich, aufschlußreich und interessant - herzlichen Dank für die handfesten Informationen aus dem praktischen Schulalltag. Sie haben völlig recht mit Ihrer Beobachtung, daß die "Diskriminierung" und Herabsetzung der Hauptschule nicht selten von den Schülern selbst und von ihren Eltern ausgeht. Die offenbar in BW ernsthaft geplante Namensänderung der Hauptschule auf "Werkrealschule" wirkt äußerst komisch und wird sich wohl kaum lange halten können, da die Idee wie ein schräger Gag aus einem Sketsch erscheint. Diese kuriose Namensänderung ist aus "Komplexen" geboren und entsprechend verkrampft wirkt das Ganze dann auch.